1In einem Königreich, in dem jeden Morgen Musik erklang und auf jedem Turm Fahnen wehten, lebte ein Kaiser, der Kleidung über alles liebte. Er besaß samtene Mäntel in zwölf Farben, sieben Paar bestickte Pantoffeln und eine kleine goldene Mütze, die er schräg auf dem Kopf trug. Jede Stunde besuchte er seine Garderobe, um sich im langen Spiegel zu bewundern.
2Eines Herbstmorgens kamen zwei Fremde zum Tor des Palastes. „Majestät“, sprachen sie mit tiefen Verbeugungen, „wir sind die besten Weber der Welt. Wir können einen Stoff weben, so außergewöhnlich, so zauberhaft, dass er für jeden, der dumm ist oder seines Amtes nicht würdig, vollkommen unsichtbar bleibt.“ Die Augen des Kaisers wurden groß. „Stellt euch einen Mantel aus solchem Stoff vor!“, dachte er. „Ich könnte sofort erkennen, wer in meinem Hof klug ist und wer nicht!“ Er klatschte begeistert in die Hände und befahl, sofort zu beginnen.
3Tage vergingen. Der Kaiser schickte seinen vertrauenswürdigsten Minister, um nach den Arbeiten zu sehen. Der alte Minister beugte sich nah an den Webstuhl. Doch er sah nichts – gar nichts – nur leere Holzrahmen und Luft. Sein Herz pochte laut. „Bin ich dumm?“, dachte er erschrocken. „Bin ich unwürdig?“ Er wagte nicht, die Wahrheit auszusprechen.
4„Oh, es ist großartig!“, berichtete er dem Kaiser. „Die Farben! Das Muster! Außerordentlich!“ Der Kaiser schickte einen weiteren Berater, dann noch einen. Jeder sah nichts. Keiner sagte die Wahrheit, und alle bestätigten zurück, der Stoff sei das wunderbarste, was sie je gesehen hätten.
5Die Weber taten so, als schnitten und nähten und steckten sie mit Scheren, die nur Luft schnitten. Am Morgen des Festumzugs hoben sie ihre leeren Hände hoch.
6„Majestät, Ihr Anzug ist fertig!" Sie zogen ihm nichts über sein schlichtes cremefarbenes Unterhemd und seine cremefarbenen Shorts, und der Kaiser stand vor dem Spiegel und nickte feierlich. Jeder Höfling im Saal applaudierte und rief: „Der Fall! Die Farbe! Herrlich! Niemals stand Majestät etwas besser zu Gesicht!“
7Da ertönte, irgendwo in der Nähe des Brunnens, eine kleine klare Stimme. „Aber er hat doch gar keine richtigen Kleider an!“ Vorne in der Menge stand ein etwa siebenjähriges Kind – sommersprossiges Gesicht, große braune Augen, die ruhig blinkten, ein senffarbener Mantel bis zum Kinn zugeknöpft gegen die Kälte. In der Stimme lag kein Spott, nur schlichte Ehrlichkeit, so selbstverständlich wie ein Kind sagt, dass der Himmel blau ist oder Regen nass.
8Stille legte sich über alles. Dann flüsterte jemand in der Menge: „Das Kind hat recht.“ Noch eine Stimme: „Er hat wirklich keine.“ Und langsam, wie ein Stein, der ins stille Wasser fällt, breitete sich die Wahrheit durch alle Menschen dort aus, bis die ganze Menge dasselbe leise, ehrliche Wort murmelte.
9Zuletzt sah der Kaiser das Kind am Brunnen an, das einfach ruhig zurückblickte.
10Der Kaiser straffte die Schultern, hob das Kinn und ging – langsam und mit großer Würde – den ganzen Weg zurück zum Palast.
