1Tief unter dem meergrünen Glas, wo Sonnenstrahlen wie schimmernde Bänder durch das Wasser fielen, lebte eine junge Meerjungfrau mit dunkel kastanienbraunem Haar und einem Schweif wie das Wintermondlicht. Sie war fast sechzehn, und von all den Wundern im Ozean – den Korallenbögen, den perlmuttweißen Fischen, den singenden Seeanemonen – faszinierte sie nichts so sehr wie die Welt über den Wellen.
2Eines stürmischen Herbstabends bäumte sich das Meer wild auf. Ein großes Schiff ächzte und neigte sich in den Wellen, und ein junger Mann wurde in das dunkle Wasser geschleudert. Die Meerjungfrau sah ihn stürzen – kastanienbraunes Haar breitete sich aus, grau-blaue Augen geschlossen, die Arme kraftlos. Ohne zu zögern tauchte sie zu ihm hinunter, hob ihn behutsam empor und schwamm durch die tosenden Wellen, bis sie Sand unter ihren Händen spürte. Sie legte ihn an den Strand, gerade als der Sturm leiser wurde.
3Versteckt hinter einem Felsen beobachtete sie, wie der Prinz wieder atmete und langsam seine Farbe zurückkehrte. Andere Menschen liefen am Strand herbei und fanden ihn dort. Sie sahen die Meerjungfrau nicht. Leise glitt sie zurück unter die Wellen, das Herz erfüllt von einem Gefühl, für das sie noch keinen Namen kannte.
4Ganz unten im tiefsten Teil des Meeres lebte eine geheimnisvolle Frau, die alle verborgenen Geheimnisse des Ozeans verstand. Die Meerjungfrau schwamm alleine zu ihr, durch dunkles Wasser und seltsame Strömungen. Die Frau bot ihr einen Tausch an: ein Getränk, das den Schweif in zwei Beine verwandeln würde – doch jeder Schritt würde sich anfühlen, als ginge sie über scharfe Kiesel, und sie würde niemals wieder sprechen können. Ihre Stimme, klar wie ein Glöckchen unter Wasser, war der Preis dafür.
5Im Morgengrauen tauchte sie auf, trank das Fläschchen aus und spürte, wie sich die Welt um sie herum veränderte. Sie lag auf den warmen Stufen des Palastes, ihr silberblauer Schweif war verschwunden, Beine traten an seine Stelle, und auch ihre Stimme war fort.
6Der Prinz fand sie dort. Er war freundlich. Er gab ihr weiche Kleidung und ließ sie an seiner Seite durch die Gärten gehen und mit ihm am Tisch sitzen. Doch er konnte nicht ahnen, dass sie ihn gerettet hatte – sie hatte keine Stimme, um es ihm zu sagen – und so suchte er die Erinnerung an seine Rettung woanders, im Gesicht eines Mädchens aus einem fernen Tempel.
7Als der Prinz eine andere heiratete, stand die Meerjungfrau nachts auf dem Deck des Hochzeitsschiffes und weinte nicht.
8Bevor die Sonne aufging, geschah eine Veränderung. Sie spürte, wie sie leicht wurde, leichter als Meerschaum, leichter als ein Hauch. Sie war nun etwas, das der Ozean nicht benennen konnte und für das der Himmel schon Platz machte: eine Tochter der Luft.
9Um sie herum bewegten sich andere leuchtende Gestalten durch die hohen, weichen Winde.
10Mit dem Morgenwind stieg sie auf, das Meer funkelnd tief unter ihr, der Himmel grenzenlos über ihr – und die ganze weite Welt war immer noch voller Wunder.
