1Das leere Grundstück an der Birkenstraße hatte den ganzen Frühling lang gewartet. Zwischen aufgebrochenem Pflaster wuchsen Unkräuter, und ein verrostetes Tor lehnte am Zaun. Mei stand am Rand und blinzelte. "Mindestens sechs Beete passen da rein", sagte sie. Sam rollte vor und
2schaute sich das Gelände an. "Acht", meinte er, "wenn wir zwei an den Zaun legen." Beide hatten recht. Am Abend zeichneten sie alles auf Papier – bei Sam am Küchentisch, mit Buntstiften und Lineal, und stritten fröhlich darüber, welches Ende zur Sonne zeigen sollte. Am Samstagvormittag
3kam die ganze Nachbarschaft auf einmal. Die Leute brachten Spaten, Setzlinge in nassem Zeitungspapier und Thermoskannen mit Tee. Zwei Eltern stellten den ersten Holzrahmen auf, während Mei das Maßband straff hielt. Sam hielt die Pläne auf einem Klemmbrett
4in seinem Schoß und rief die Maße durch, wann immer jemand nachfragte. "Hundertzwanzig Zentimeter breit", erinnerte er, "damit jeder bis zur Mitte kommt." Die Hochbeete wurden eines nach dem anderen aufgebaut. Sie hatten genau die richtige Höhe – auf einer Linie mit Sams Armlehnen,
5bequem für eine Großmutter mit Gehstock, leicht für Mei zum Darüberbeugen. Ein Mädchen aus dem gelben Haus trug Wasser in einer Gießkanne mit langem Ausguss und ging langsam, damit nichts überschwappte. Ein älterer Junge schob die schwere Gießkarre für Sam über den glatten Weg,
6den sie mit flachen Steinen gelegt hatten. Sam neigte den Ausguss selbst und schaute zu, wie die Erde um die Tomatenwurzeln dunkel wurde. Meis Großmutter drückte Sonnenblumenkerne in die Erde, wie auch ihre Großmutter es ihr gezeigt hatte – drei Finger tief, immer zwei Kerne zusammen,
7damit einer dem anderen helfen kann. Sie erklärte das nicht mit Worten – sie zeigte es Mei mit ihren Händen, und Mei nickte und machte es genauso. Für das Kräuterbeet bastelte ein Nachbar kleine Schilder aus Bastelstäbchen und schnitt verschiedene Formen hinein – einen Kreis für Minze, einen Stern für Basilikum,
8eine glatte Ovalform für Thymian. So konnte jeder die Pflanzen einfach durch Ertasten der Markierungen unterscheiden. Schon am frühen Nachmittag wurde die Sonne kräftig. Die Leute setzten sich zu zweit oder zu dritt in den Schatten und teilten Orangenstücke. Sam parkte neben dem Wasserfass
9und trank ganz langsam. Mei setzte sich im Gras neben sein Rad, die Stiefel noch schlammig, und gemeinsam schauten sie auf ihre acht Hochbeete – voll dunkler Erde und frischen, grünen Anfängen. Ein Sperling landete auf dem Zaunpfahl und flog gleich weiter. Mei zog
10eine letzte Tüte Samen aus der Tasche. "Bohnen", sagte sie. "Die kommen in dein Beet", meinte Sam. Mei stand auf und ging zu dem Beet am sonnigen Ende – zu dem, worauf sie sich damals am Küchentisch geeinigt hatten, als der Garten noch aus Buntstiften und guten Ideen bestand.



